Die Liebe zwingt uns alle nieder, aber der Mond hinter den Dächern hält gerade still. Ich kann sehen, wie er sich hinter zwei Strommasten verstecken will, nicht ahnt, dass sie zu schmal sind und es nicht ausreichen kann. Zu dumm, dieser Mond.
Zsuzsa Bánks Márta schreibt diesen wunderschönen Satz mit der Hölderlin Anlehnung ihrer Freundin Johanna in „Schlafen werden wir später“. Márta, 3 Kinder, Schriftstellerin und höchst wahrscheinlich so etwas wie Zsuzsa Banks Alter Ego. Sie ist ausgelaugt, lebt am finanziellen Limit, die Kinder rauben ihr sämtliche Energie: Márta beneidet ihre Freundin Johanna, kinderlos, unabhängig. Die beiden schreiben sich regelmäßig Briefe, nein, Emails. Aber die poetischen Nachrichten wollen einfach nicht wie gewöhnliche Emails rüberkommen. Ausgewählt und durchdacht geschrieben, kein Wort ist dahergesagt. Im Roman schreiben sich also Márta und ihre beste Freundin Johanna hin und her, her und hin. Johanna lebt im Schwarzwald, trauert um ihre alte Liebe. Der gerade überwundene Krebs beschert ihr viele viele „Krebsangstnächte“ und die Doktorarbeit über „die Droste“ findet kein Ende. Sie beneidet Márta um ihre Kinder, ihr Leben als Autorin. Vorwurfsvoll, aufmunternd, gemeinsam klagend. Beide schreiben wahrlich poetisch. Leider auch im gleichen Stil mit wundersamen Wortschöpfungen, immer wiederkehrenden 3-Mal-Wiederholungen von Worten und Hinweisen auf die Zeitform Futur. Ich mag Zsuzsa Banks so gern. „Die hellen Tage“ waren eine ganz wunderbare Erzählung. Und ich habe mir von „Schlafen werden wir später“ viel erhofft. Zwei Frauen, beide Anfang 40, eine mit Kindern, die andere kinderlos. Die Ausgangssituation klang spannend, zumal ich mich als Neu-Mutter in gleicher Altersklasse komplett in der Zielgruppe sah. Und ja, es finden sich tiefe, bleibende Sätze in dem Roman. Sie waren mein einziger Motivator dieses Buch zu Ende zu lesen. Ansonsten hat mich Márta leider ganz furchtbar genervt, genervt, drei mal genervt. Denis Scheck bezeichnet den Roman als Jammerbuch. Glücklicherweise lese ist Buchkritiken erst nachdem ich das Buch zur Seite gelegt habe, sonst hätte ich es womöglich schneller zur Seite gelegt und mir wären einige pointierte Sätze entgangen. Und so schreibt Johanna gegen Ende des Romans:
Glücklich ist ein bisschen viel. Sagen wir lieber: nicht unglücklich. Kein bisschen unglücklich. Nicht ein winziges bisschen unglücklich.
Oder Márta über ihren Sohn Franz:
Franz kennt kein Zerrinnen der Zeit, er badet und taucht in einem einzigen Warmwasserbecken, er hat keine Vergangenheit, gestern und vorgestern sind seine winzige Vergangenheit.

Warum Schlafen werden wir später?

Dieser Roman ist etwas für eingefleischte Zsuzsa-Bánk-Freunde oder Leserinnen mit Ausdauer. Es passiert nicht viel. Es werden keine großen Geheimnisse aufgedeckt und für mich als Leser war es recht schwer nachvollziehbar, dass sich hier zwei verschiedene Frauen schreiben. Der Schreibstil ist nahezu identisch, beide Frauen ticken sehr ähnlich, haben eben andere Lebenswege eingeschlagen. Der Emailwechsel kommt alles andere als authentisch rüber. Ich hätte mir gewünscht, dass die Autorin die Thematik anders umgesetzt hätte. Habe ich schon erwähnt, dass ich den Titel blöd und den Einband furchtbar finde? – Schön geschrieben ist das Buch trotz allem. Wer Durchhaltevermögen hat, wird mit vielen hübschen Formulierungen belohnt.

Lesetipp

Lieber nur lesen, wenn man wirklich Zeit hat. Und auch nicht verschenken, wenn es nicht ausdrücklich gewünscht wurde. Das Buch könnte einer der Romane werden, die einmal kurz angelesen für immer im Regal verstauben. Sorry,  Zsuzsa-Bánk

Details zu „Schlafen werden wir später“ von  Zsuzsa-Bánk

Ich zitiere aus der gebundenen Ausgabe, erschienen 2017 bei S. Fischer. Das Buch ist 682 dick. Noch eine Empfehlung!? Ein Roman, der wirklich wirklich gut ist? Dieses Buch kann ich wirklich uneingeschränkt jedem ans Herz legen!

Über Hella

Ich bin Hella. Mein Hobby ist angeln, Sätze angeln. Und die teile ich ab sofort auf meinem Blog. Ich lese schrecklich gerne und habe es im letzten Urlaub auf 22 Bücher gebracht. Okay, ich gebe zu, wir waren zehn Wochen auf Reisen. Wenn ich nicht lese oder reise, schreibe ich in einer Online-Redaktion in München News für Teenager. Was ich sonst noch mag: Gorgonzola, Coq au Vin, Tan Tan Men, gebratene Aubergine, Django Django, Element of Crime, Alexandra (ehrlich! voll!), Chilly Gonzales, Adam Green, Fleet Foxes, Zaz.

© Die Satzfischerin

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