„Ja, beim Blick zum Himmel dachte ich daran, dass das Gewölbe, das ich sehe, nicht die Unwahrheit ist, und dabei habe ich etwas nicht zu Ende gedacht, mir selbst verheimlicht“, dachte er. „Aber was es auch sein mag, Einwände kann es nicht geben. Ich brauche nur nachzudenken, und alles klärt sich auf!“
Allein in den letzten Seiten von Tolstois „Anna Karenina“ (Klick auf Bild= Anna Karenina bei Amazon) steckt mehr drin als in der Gesamtbibliothek eines Paulo-Coelho-Verehrers. Atheist Lewin ist gerade Vater geworden, hat – zunächst – Probleme, Gefühle für seinen Sohn zu entwickeln. Doch der Einschnitt in sein Leben belebt seinen Geist. Als er am Abend auf die Terrasse tritt und in die dunkle Nacht schaut, fügen sich seine Zweifel, seine Gedanken der letzten Jahre zu einem Ganzen. „Und zwar, wenn der wichtigste Gottesbeweis seine Offenbarung war, dass es das Gute gibt, wieso sollte sich diese Offenbarung dann allein auf die christliche Kirche beschränken?“ Es folgt einer meiner absoluten Lieblingssätze:
Mir persönlich, meinem Herzen, steht zweifellos ein Wissen offen, das dem Verstand unerreichbar ist, doch ich möchte beharrlich mit dem Verstand und in Worten dieses Wissen ausdrücken.
Und wenig später ein Satz, der in Zeiten Tolstois wie heute von Bedeutung ist.
Die Frage nach den anderen Glaubensrichtungen und ihr Verhältnis zur Gottheit zu entscheiden habe ich weder das Recht noch die Möglichkeit.
Dass ich genau diese Stelle aus Anna Karenina ausgewählt habe, ist Zufall. Lew Tolstois Werk steckt voller fantastischer Sätze. Und tatsächlich sind jene Zitate nicht unbedingt die bezeichnendsten für den Roman, in dem es um die Lebensgeschichte Anna Kareninas und ihrer Weggefährten geht. Anna, die im Russland des 19. Jahrhunderts, in der höheren Gesellschaft eigentlich längst ihren Platz gefunden hat, sich aber überschwänglich in einen anderen als ihren Ehemann Karenin verliebt. Nach Zweifeln brennt sie mit ihrem geliebten Grafen Alexej Wronskij durch und hat doch nicht den Hauch einer Chance, glücklich zu werden. Zwischendurch Exkurse fort zu anderen nahestehenden Familien-, Liebes- und Einsiedlergeschichten – allesamt groß, gewaltig, so düster, gelegentlich hoffnungsvoll. Die Charaktere tief, komplex, liebenswert, abgestumpft, leidenschaftlich, ehrlich oder/und egozentrisch. Der berühmte erste Satz beschreibt das Drama, das mittlerweile als Anna-Karenina-Prinzip bekannt ist.
Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.

Warum dieses Buch?

Was im Roman Anna Karenina steckt, ist so viel mehr als die Liebesgeschichte, die man vielleicht vermutet. Wir lernen eine vielschichte, intelligente Frau kennen, die es so einfach haben könnte bis der aparte Graf in ihr Leben tritt. Was nun folgt ist ein Drama, mit unendlichen Höhen und unfassbaren Tiefen, in die uns Tolstoi mit Wucht reißt. Das Ganze platziert in der adligen Gesellschaft in Russland um 1880 – viel ferner von der eigenen Reallität könnte es kaum sein und doch wird die Zeit und die Geschichte derart lebendig, dass wir Herrn Tolstoi nur auf Knien dafür danken können, was er für die Nachwelt geschafften hat. Haruki Marakamis Protagonistin in seiner Erzählung „Schlaf“ verschlingt das Buch Nacht für Nacht. Als sie es eines Morgens zur Seite legt, ist sie völlig platt: „Die Szenen aus dem Buch und ein plötzliches Hungergefühl machten jeden Gedanken unmöglich. Es war, als wären Bewusstsein und Körper auseinandergedriftet und irgendwo eingerastet.“

Lesetipp

Zwei wichtige Dinge: Für dieses Buch brauchst du Zeit und die richtige Übersetzung. Höchstwahrscheinlich wirst du dieses Buch nicht nach ein, zwei Kapiteln zur Seite legen können. Nicht umsonst  hielt sich Murakamis Schlaflose mit den 1227 Seiten einige Nächte wach. Also: Am besten mit in den Urlaub nehmen. Zur Übersetzung: Laut „Zeit“ liegen mittlerweile 20 Übersetzungen von Tolstois Roman vor. Nur eine ist absolut lesenswert: die von Rosemarie Tietze von 2009. Tietze machte auch schon Gasdanows Alexander Wolf zu einem Wunderwerk.

Details zu „Anna Karenina“

Die Zitate stammen aus der Taschenbuchausgabe vom dtv. Das Original erschien 1877 und 1878. Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi kam 1828 auf die Welt und starb 1910. Oben genannter Lewin ist übrigens Tolstois Alter Ego im Roman.

Über Hella

Ich bin Hella. Mein Hobby ist angeln, Sätze angeln. Und die teile ich ab sofort auf meinem Blog. Ich lese schrecklich gerne und habe es im letzten Urlaub auf 22 Bücher gebracht. Okay, ich gebe zu, wir waren zehn Wochen auf Reisen. Wenn ich nicht lese oder reise, schreibe ich in einer Online-Redaktion in München News für Teenager. Was ich sonst noch mag: Gorgonzola, Coq au Vin, Tan Tan Men, gebratene Aubergine, Django Django, Element of Crime, Alexandra (ehrlich! voll!), Chilly Gonzales, Adam Green, Fleet Foxes, Zaz.

© Die Satzfischerin

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