Aber du hinkst. Im Tal vielleicht, sagte Egger. Am Berg bin ich der Einzige, der gerade geht.
Mit diesen Worten schafft es Egger in Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“, seinen zukünftigen Chef davon zu überzeugen, dass er der richtige Mann für ein Bergbahnunternehmen ist. Andreas Egger ist ein einfacher Mann. „Er konnte anpacken, verlangte wenig, redete kaum.“ Er ist ein wahrer Bergmensch, sein Dorf verlässt er in seinem Leben nur ein einziges Mal für eine kleine, aufreibende Busfahrt. Autor Robert Seethaler beginnt seinen kleinen Roman „Ein ganzes Leben“ mit einer Szene, die er viel später wieder aufgreift. Egger rettet den sterbenden Hörnerhannes in den Bergen. Doch der Ziegenhirt widersetzt sich seiner Rettung und flieht zurück in die Kälte der Winterberge. In seiner Geschichte beschreibt Seethaler die schwierige Kindheit seines Protagonisten, der sich erst spät den üblen Schlägen seines Ziehvaters entziehen konnte. Er war es auch, der Andreas‘ Bein zerstörte. Irgendwann schlug der Bauer derart mit der Gerte zu, dass es bös‘ knackte. Fortan galt der kleine Egger als „der Krüppel“. Egger verlangt nie viel vom Leben. Doch als Marie ins Dorf kam, muss sich der Mann der wenigen Worte mächtig ins Zeug legen. Und so plant er den romantischsten Heiratsantrag, den das Bergvölkchen je gesehen hat. Es ist wohl der Moment seines Lebens als am Hang „Für Dich, Marie“ in flackernden Petroleum-Buchstaben aufleuchtet und er seine Marie im Arm hält.
Sie trug ein helles Leinenkleid und ihre Haare dufteten nach Seife, Heu und, wie Egger fand, auch ein bisschen nach Schweinebraten.
Die neue Seilbahn verändert viel, eigentlich alles. Plötzlich strömen Menschen in die Berge und Egger ist einer der wenigen Einheimischen, der es schafft, sich auf seine Art den neuen Begebenheiten anzupassen und mit sich selbst im Reinen zu bleiben. Am Ende wird Egger alt. Er stirbt weder glücklich, noch unglücklich.

Warum „Ein ganzes Leben“?

Robert Seethaler hat keinen großen Roman mit großen Worten über einen großen Mann geschrieben. Egger ist einerseits recht einfach gestrickt, andererseits schafft er es zu überraschen. Seethaler nimmt uns mit in eine ganz schlichte Welt, die gespickt ist mit kleinen Erkenntnissen und wundervollen Sätzen. Zitate aus ein ganzes Leben Robert Seethaler  

Lesetipp

Ein ganzes Leben ist einem Rutsch gut weggelesen. Prima für eine Zugfahrt oder für ein Wander- oder Skiwochenende in den Bergen. Sicher auch ein hübsches Geschenk für Bergfreunde.

Details zu „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler

Der Roman erschien 2014 im Carl Hanser Verlag. Sämtliche Zitate stammen aus der Ebook-Variante. Robert Seethaler ist Österreicher und lebt in Wien und Berlin. In einem Interview sagte er, der Roman sei aus der Erinnerung an die „Schneestille“ beim Ski fahren entstanden. Ach schön, Schneestille.  

Über Hella

Ich bin Hella. Mein Hobby ist angeln, Sätze angeln. Und die teile ich ab sofort auf meinem Blog. Ich lese schrecklich gerne und habe es im letzten Urlaub auf 22 Bücher gebracht. Okay, ich gebe zu, wir waren zehn Wochen auf Reisen. Wenn ich nicht lese oder reise, schreibe ich in einer Online-Redaktion in München News für Teenager. Was ich sonst noch mag: Gorgonzola, Coq au Vin, Tan Tan Men, gebratene Aubergine, Django Django, Element of Crime, Alexandra (ehrlich! voll!), Chilly Gonzales, Adam Green, Fleet Foxes, Zaz.

© Die Satzfischerin

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